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Forschung und Produktion

Frauen in MINT-Berufen

03.02.2023
von Redaktion ANTRIEBSTECHNIK

Es ist höchste Zeit, durch gezielte Förderung Frauen für MINT-Berufe zu begeistern und das Berufsfeld attraktiver zu machen. Das Fraunhofer IWU hat sich auf die Fahnen geschrieben, für die produktionstechnische Forschung den nächsten Schritt zu gehen: mit einem Maßnahmenpaket vom Recruiting über Mentoring bis hin zu maßgeschneiderten Förderangeboten für jede Karrierephase..

MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Das Fraunhofer IWU rekrutiert seinen wissenschaftlichen Nachwuchs vorrangig aus Absolventinnen und Absolventen dieser Studienfächer. Künftig noch mehr Forscherinnen zu gewinnen und als attraktiver Arbeitgeber zu halten – darin sieht das Leitinstitut für ressourceneffiziente Produktion eine große Chance. Es erprobt nun Strukturmaßnahmen zur Relevanzprüfung von Geschlechteraspekten in der Forschung – für noch bessere Forschungsergebnisse

Frauen für MINT begeistern und fördern

Die Erfahrungen am Fraunhofer IWU zeigen, wie auf Recruiting- und Karrieremessen Schülerinnen und Studentinnen erfolgreich angesprochen werden: „Mit sinnstiftenden Aufgaben, die für andere Menschen einen Nutzen bringen, mit einer angenehmen Arbeitsatmosphäre und mit einem Team, in dem der Austausch großgeschrieben wird“, erläutert Julia Rothe vom Recruiting. Hier hat das Fraunhofer IWU einiges zu bieten: in Medizintechnik, Raumfahrt oder Automotive liegen viele Gestaltungsräume für die produktionstechnische Forschung und damit viele Chancen, etwas für die Sicherheit anderer zu tun. Ein Beispiel sind am Institut entwickelte, extra bruchsichere Kopfstützenbügel. Ganz konkret an Umwelt- und Klimaschutz mitarbeiten zu können, überzeugt ebenfalls viele Bewerberinnen.

Gute Erfahrungen macht das Fraunhofer IWU auch mit ConnectING, einem Angebot für MINT-Studentinnen. Beim Sommergrillen können sich Interessierte zwanglos mit Ingenieurinnen austauschen und so erstmals Institutsluft schnuppern. Im Recruiting-Prozess gilt es, mögliche Barrieren gar nicht erst aufzubauen. Hier bringt die Stellenausschreibung zum Ausdruck, dass Bewerberinnen ausdrücklich erwünscht sind. Das Fraunhofer IWU hat sich vorgenommen, den Frauenanteil bis 2025 bei den Einstellungen deutlich zu erhöhen: von 18 Prozent (im Jahr 2020) auf 27 Prozent.

Stolz ist das Fraunhofer IWU auf sein Mentoring-Programm. Das Ziel ist, Nachwuchsforscherinnen mit weiblichen Führungskräften aus Industrie und Wissenschaft zu vernetzen. Die Beauftragten für Chancengleichheit unterstützen Teilnehmerinnen am Programm aktiv: bei der Suche der Mentee nach einer geeigneten Mentorin, bei der Formulierung der Ziele des Mentorings und mit begleitenden Coachings. Die Mentees lernen dabei auch, ihre eigenen Ziele zu reflektieren. Teil des Programms sind außerdem Netzwerkveranstaltungen mit der Mentorin, die so ihre Mentees besser kennen lernt und noch gezielter fördern kann.

Vorbilder schaffen Identifikation

Dr.-Ing. Ulrike Beyer, Leiterin der Taskforce Wasserstoff am Fraunhofer IWU erzählt begeistert: „Hier bin ich meines Glückes eigener Schmied. Wenn ich für ein Thema brenne, kann ich es voranbringen, bis zur industriellen Reife wachsen lassen und es mit Unternehmen in die Anwendung bringen. Ich kann also Forscherin, Managerin und Vertrieblerin meiner Lösung sein. Ich wollte immer Führungsverantwortung übernehmen, hier wurde sie mir als Leiterin der Taskforce anvertraut.“

Dr. Ulrike Beyer erläutert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Thomas Zenker, Oberbürgermeister der Stadt Zittau, das Prinzip der Referenzfabrik.H2

Dr. Ulrike Beyer erläutert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Thomas Zenker, Oberbürgermeister der Stadt Zittau, das Prinzip der ´Referenzfabrik.H2`

Die Leiterin die Abteilung Laser Powder Bed Fusion (benannt nach einem metallischen 3D-Druck-Verfahren) Dr.-Ing. Juliane Thielsch sagt: „Gleich zum Start am Fraunhofer IWU, das war vor etwa fünf Jahren, durfte ich eine Forschungsgruppe zu einem neuen Thema im Rahmen der Fraunhofer-Attract-Förderung aufbauen. Attract gibt jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, ihre Ideen anwendungsorientiert voranzutreiben. Meine Vorgesetzten und mein Team haben mir von Anfang an viel Vertrauen und Rückhalt geschenkt – bis heute. Nur so bekomme ich die Balance zwischen verantwortungsvollen Aufgaben und den Wünschen der eigenen Familie hin. Was mir besonders am Herzen liegt: die Förderung und Weiterentwicklung der Mitarbeitenden und des wissenschaftlichen Nachwuchses. Als Abteilungsleiterin kann ich da viel bewegen“.

Manja Mai-Ly Pfaff, Gruppenleiterin im Bereich Digitalisierung in der Produktion und ehemalige Teilnehmerin des Programms Talenta, schätzt die gezielte Förderung talentierter Wissenschaftlerinnen bei Fraunhofer: „Das Programm ist eine großartige Chance für die persönliche Weiterbildung und Entwicklung. Gleichzeitig ist es ein deutschlandweites Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen. Und ebenfalls ein gutes Beispiel, was Frau daraus machen kann. Im Zuge meiner Förderung konnte ich zwei Buchpublikationen initiieren. Aktuell noch in der Planungs – und Gestaltungsphase befindlich, wird das Projekt von fast 100 Frauen aus 19 Fraunhofer-Instituten unterstützt. Beide Veröffentlichungen widmen sich demselben Herzensthema: weibliche Vorbilder zu schaffen und Impulse zu geben – letztendlich für eine Gesellschaft, in der wir selbst leben möchten“.

Manja Mai-Ly Pfaff, Gruppenleiterin im Bereich Digitalisierung in der Produktion

Manja Mai-Ly Pfaff, Gruppenleiterin im Bereich Digitalisierung in der Produktion

Talenta richtet sich gleichermaßen an Neueinsteigerinnen und Mitarbeiterinnen mit Berufs- und Führungserfahrung. Neue Mitarbeiterinnen mit besonderem Potenzial sprechen die Institute bereits zur Einstellung auf diese attraktive Fördermöglichkeit durch die Fraunhofer-Gesellschaft an.

Dr.-Ing. Julia Schönherr, heute wissenschaftliche Referentin der Institutsleitung, nahm für ihre Promotion am Fraunhofer IWU die Talenta-Förderung in Anspruch. Sie erklärt: „Viele Puzzlesteine müssen für diesen Karriereschritt zusammenfinden. Neben der hohen Eigenmotivation und dem familiären Rückhalt muss auch das Forschungsthema geschärft und vorangetrieben werden. Gerade hierbei bietet Talenta mit der individuell gestaltbaren Karrierezeit eine erste Hilfestellung. Und ich konnte ein Netzwerk zu Wissenschaftlerinnen anderer Fraunhofer-Institute aufbauen, das ich bis heute pflege.“

Organisationsstrukturen nachhaltig in der Forschung verankern

Für eine geschlechtergerechte Forschung ist es sinnvoll, Geschlechteraspekte in Forschungsfragen und -inhalten zu reflektieren, aber auch in der eigenen Organisationsstruktur abzubilden. Forschungsarbeiten, in denen Geschlechterdimensionen bedeutsam sind, möchte die Fraunhofer-Gesellschaft künftig differenzierter angehen. Denn nur von exzellenter Forschung, die die Bedürfnisse aller Menschen in den Blick nimmt, profitieren auch alle. Das Fraunhofer IWU ist federführendes Institut im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt GiB@FhG (Geschlechteraspekte im Blick bei Fraunhofer), das seit Juni 2022 systematisch geeignete Strukturmaßnahmen zur Relevanzprüfung von Geschlechteraspekten in der Forschung identifiziert. Der erste Schritt für das IWU, das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE und das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE lautet daher, in ihren Häusern verstärkt Wissen über Geschlecht aufzubauen, die Forschenden umfassend und nachhaltig zu sensibilisieren, selbstkritisch Vorgehensweisen zu hinterfragen und Strukturmaßnahmen anzustreben. Das zu entwickelnde Konzept entsteht dabei im engen Schulterschluss mit den Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und soll später anderen Fraunhofer-Instituten als Blaupause dienen.

Dursune Gönültas und ihr Forschungsthema arbeiten an der Programmierung einer Roboterbahn durch Gestensteuerung

Dursune Gönültas und ihr Forschungsthema arbeiten an der Programmierung einer Roboterbahn durch Gestensteuerung

Bei einer expliziteren Betrachtung der Geschlechterrelevanz oder einem genaueren Blick auf mögliche physiologische, psychologische und soziologische Unterschiede von Personengruppen und deren Auswirkungen auf den Forschungsprozess entstehen mit hoher Wahrscheinlichkeit ganzheitlichere Lösungsansätze für kreative Ergebnisse. Sensibilisieren und gemeinsam Reflektieren stehen dabei im Vordergrund, um relevante Themenfelder für geschlechtersensible Forschung besser identifizieren zu können.

Gemeinsam Handlungsbedarf eruieren

Gemeinsam mit den Fraunhofer-Instituten IEE und IESE überprüft das IWU entsprechende Handlungsbedarfe. Exemplarisch stehen dabei die Forschungsgebiete Medizintechnik, Energiesysteminformatik und Software-Engineering im Fokus. In der Medizintechnik baut das Team beispielsweise auf ersten Erkenntnissen zu geschlechterspezifischen Bedarfen bei Amputationsstümpfen auf.

Ganz ähnlich deutet sich in einer aktuellen Untersuchung zu Exoskeletten für die Hände von Schlaganfallbetroffenen an, dass bei der Auslegung dieser mechatronischen Assistenzsysteme die durchschnittlich etwas kleineren Hände und etwas geringere Kraft in den Fingern von Patientinnen berücksichtigt werden sollten. Ganz allgemein sollen ein Maximum an Sicherheit und optimaler Behandlungserfolg für Patientinnen und Patienten in aktuellen Forschungsthemen der Medizintechnik am Institut im Vordergrund stehen. Im Bereich KI-basierter Energiesysteme konzentriert sich das Fraunhofer IEE nun verstärkt auf die Erkennung möglicher Datenlücken, die nicht nur die Akzeptanz gefährden, sondern auch Auswirkungen auf die Krisenfestigkeit und Zuverlässigkeit eines Energiesystems haben können. In einem weiteren Schritt sollen auch Lösungen gefunden werden, diese Lücken zu füllen. Auch im Softwareengineering hängt die Nachhaltigkeit einer Lösung davon ab, ob sie nutzungsfreundlich ist und die Bedürfnisse sowohl von Anwenderinnen als auch von Anwendern erfüllt. Das Fraunhofer IESE setzt entsprechend bereits bei einer ganzheitlichen Zielgruppenbetrachtung an.

Quelle: Fraunhofer IWU ǀ Bilder: Fraunhofer IWU; peterschreiber – stock.adobe.com

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