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“Der Mittelstand lernt Radfahren”

“Der Mittelstand lernt Radfahren”

Fachkräftemangel und fehlendes Know-how hindern kleine und mittelständische Unternehmen daran, Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Eine kosteneffiziente Lösung für Unternehmen ist es, sich Innovationspartner zu suchen, die bedarfsorientierte Schulungen für die eigene Belegschaft anbieten und bei der Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben unterstützen.

Die Relevanz der Digitalisierung ist kaum zu übersehen. Der Handlungsbedarf wird von Politik, Wissenschafts- und Wirtschaftsverbänden, Marktforschungsinstituten und Innovationsführern aller Branchen in dramatischem Duktus befeuert: “Innerhalb der nächsten 10 Jahre sterben 40 % der 500 umsatzstärksten globalen Unternehmen aus”, titelt das Wirtschaftsmagazin Forbes. “Wer sich nicht digitalisiert, ist verloren” und ähnliche düstere Zukunftsprognosen finden sich in Äußerungen der Experten. [1]

Wie so oft liegt in Deutschland auch bei diesem Thema die Hoffnung auf dem “Rückgrat der Industrie” – den kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Doch die Erfolgsbilanz der KMU im Bereich Digitalisierung ist derzeit mäßig. Gerade kleinere Unternehmen (bis 100 Mitarbeiter) haben enormen Nachholbedarf in allen Bereichen der Digitalisierung und gelten im Industrie 4.0 Readiness-Index zu über 75 % als Außenseiter. So plant beispielsweise nur etwa ein Fünftel der KMU konkrete Digitalisierungsprojekte wie Prozessüberwachung in der Produktion und Nachverfolgung von Gütern in Echtzeit. [2]

Und doch erkennen die Geschäftsführer in den meisten Fällen (83 % der KMU) die Notwendigkeit von Digitalisierungsprojekten an, und möchten die damit verbundenen Chancen nutzen. [3]

Der Wille ist da, es fehlen die Taten.

Diese Diskrepanz zwischen der anerkannten Bedeutung des Themas und den letztlich durchgeführten Projekten wurde in einigen bundesweiten Studien untersucht. Danach sind die meist genannten Hemmnisse für Digitalisierungsprojekte in Unternehmen Fachkräftemangel und ein daraus resultierender Mangel an technischem Know-how.

Ferner werden ungewisse Regularien in der Gesetzgebung als Gründe genannt, wie beispielsweise offene Fragen zum Datenschutz und der IT-Absicherung. [4] Auch die fehlende Infrastruktur – etwa eine schlechte Internetkonnektivität – blockiert noch immer kleine und mittelständische Unternehmer. Doch während mangelnde Infrastruktur und Regularien als lokale und zeitliche Einschränkungen ohne großen Einfluss der Unternehmer gewertet werden, wirken sich Fachkräftemangel und fehlende Kenntnisse auf den Digitalisierungsgrad unmittelbar aus. [2]

Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Sie müssen nur lernen, damit zu fahren.

Mittelfristig lässt sich der Fachkräftemangel – insbesondere in strukturschwachen Regionen – kaum lösen. Hinzu kommt, dass die technologische Vielfalt durch die Vernetzung von Dingen (engl. Internet of Things) über die letzten Jahre enorm zugenommen hat. Es ist also nicht mehr ohne weiteres möglich, den “technology-stack” bis ins letzte Detail zu beherrschen.

Doch auch ohne spezifische Expertise in neuen Technologien kann man diese effizient für die eigene Wertschöpfung nutzen. Integrationen durch Schnittstellen-zentrierte Systeme und Standards in der Anbindung von Diensten sind z. B. drastisch einfacher geworden als noch vor einigen Jahren. So lassen sich – auch ohne eigene IT-Abteilungen oder Spezialisten für Datenanalysen – Dienste wie vorausschauende Wartung, Anomalie-Detektion und automatisch optimierte Produktionsprozesse schaffen. Unternehmen müssen dafür lediglich die richtigen Anwendungsfälle identifizieren und die fachlichen Anforderungen korrekt spezifizieren. Doch sollte man bei der Anbieter- und Lösungsvielfalt am Markt grundlegende Regeln beachten, um Fehler wie einen Vendor Lock-in oder künftige technische Kompatibilität zu garantieren.

Ein Praxisbeispiel

Ein Maschinenbauer aus Nordbayern mit 82 Mitarbeitern wartet die Anlagen seiner Kunden in regelmäßigen Zyklen. Da diese Anlagen, weil: europaweit verbaut, schwer zugänglich sind, ist diese Wartung äußerst kostenintensiv. Außer den Reinigungsarbeiten sind meist weder Fehlerbehebungen noch Reparaturen nötig. In Fällen eines Defekts werden Ersatzteile oft erst nach Tagen angeliefert.

Die Geschäftsführung möchte diese Situation verbessern. Wartungszyklen sollen besser planbar sein und eine erste Diagnose des Defekts soll vor der Anreise der Wartungstechniker erfolgen können, um die korrekten Ersatzteile gleich mitbringen zu können. Da die Belegschaft des Klienten fast ausschließlich aus Spezialisten des Maschinenbaus oder der Elektrotechnik besteht, hat sie kaum Expertise in Softwareentwicklung, Netzwerktechnik oder Cloud-Computing und verteilten Systemen.

Autor Peter Hasenstab, Gründer von Orwells Enkel, begleitet kleine und mittelständische Unternehmen als Projektleiter und Coach bei Digitalisierungsvorhaben (Bild: Orwells Enkel)

Die Geschäftsführung beauftragt die Digital Agentur Orwells Enkel für einen Workshop im Bereich IIoT (Industrial Internet of Things). Dadurch erhalten die Ingenieure zunächst einen Überblick über verfügbare Technologien und Fallbeispiele. Da das Problem schon sehr klar umrissen war, konnten die Projektverantwortlichen bereits im Workshop mit Trainern von Orwells Enkel in die Lösungsfindung einsteigen. Hieraus entwickelte die Digital Agentur einen Entwurf zur technischen Umsetzung. Es entstand ein Design für eine Retrofit-Lösung – ein Modell zur Nachrüstung von älteren Anlagen. Orwells Enkel begleitet die Verantwortlichen bei dem gesamten Projekt: von Ausschreibung für die Produktion der Retrofit-Komponenten, der Anbieterauswahl und Vertragsgestaltung über die Qualitätssicherung und Abnahme des Endprodukts bis hin zur Integration. Ein halbes Jahr nach dem Workshop wurden die ersten Anlagen mit der Retrofit-Lösung ausgestattet.

Hintergrund

Der Mangel an Fachkräften und die strategische Gewichtung des Themas führen dazu, dass insbesondere interne Ressourcen für Digitalisierungsprojekte genutzt werden sollen. Sofern diesen der Zugang zu aktuellen Technologien und Konzepten der Digitalisierung fehlt oder einmalig spezifisches Know-How gefragt ist, setzen kleinere und mittelgroße Unternehmen mehr und mehr auf externe Unterstützung. [5]

Quellen

[1] KfW Bankengruppe (2017): “Digitalisierung der Wirtschaft: breite Basis, vielfältige Hemmnisse”, Frankfurt am Main 2017

[2] Institut der Deutschen Wirtschaft (2016): “Digitalisierung und Mittelstand – IW-Analysen Nr. 109”, Köln 2016

[3] BMWi (2015): Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL 2015. “Wirtschaftsindex DIGITAL:

Mittelstand 2015”, Berlin 2015

[4] BSI (2016): “Studie zur IT-Sicherheit in kleinen und mittleren Unternehmen”, Bonn 2016

[5] Detecon International GmbH (2015) – Digitalisierung und Internet of Things (IoT) – Anforderungen an agile Organisationen, Köln 2015

Quelle: Orwells Enkel

 

Veröffentlicht von

MK Krueger

Ob Industrie 4.0, Predictive Maintenance oder Condition Monitoring: Aktuelle Themen und Trends der Branche aufzugreifen, zu recherchieren und zu vermitteln – das ist es, was mich als Redakteurin der antriebstechnik so begeistert.

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